Deutschland ächzt unter der Hitzewelle: Vielerorts steigen die Temperaturen weit über 30 Grad. Damit steigt nicht nur die Freude auf Freibadbesuche und Grillabende, sondern zugleich auch das alljährliche Risiko für Arbeitgeber, hitzige Diskussionen mit Belegschaft und/oder Betriebsräten über Kleiderordnungen oder angeblich unzumutbare Arbeitsbedingungen führen zu müssen. Bei diesen Debatten kochen die Gemüter oftmals nur deshalb, weil es genauso viel Mythen wie Unwissenheit zu dem Thema »Hitze im Büro« gibt. Dieser Beitrag soll Klarheit schaffen.

Kleidung

Sobald die Temperaturen steigen, sinkt oft zeitgleich auch die Anzahl der Kleidungsstücke einiger Mitarbeiter. Flip-Flops, kurze Hosen und Verzicht auf Socken sind regelmäßig Streitpunkt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder sogar Gegenstand von Abmahnungen. Zu Recht?

Der Karrierephilosoph Bernd Stromberg hat die Situation in den von ihm veröffentlichten »goldenen Jobregeln« plakativ, aber zutreffend wie folgt zusammengefasst:

»Büro verlangt ein gewisses Outfit. Ein gewisses Maß an Seriosität ist im Büro leider nötig. Moses ging auch nicht in Turnschuhen die zehn Gebote abholen. Und Kolumbus hat auch nicht in Badehose Amerika betreten. Das ist eine Frage des Respekts! Klar, Bill Gates hatte nicht einmal eine Frisur als er das Internet erfunden hat. Aber das war eben auch in einer Garage…und nicht im Büro!«

Will heißen: Die Kleidung eines Mitarbeiters muss auch trotz warmer Temperaturen der berechtigten Erwartungshaltung des Arbeitgebers an das äußere Erscheinungsbild des jeweiligen Arbeitnehmers entsprechen. Das gilt insbesondere dann, wenn dem Arbeitnehmer ein bestimmtes äußeres Erscheinungsbild ausdrücklich vorgegeben ist, etwa im Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung (Kleiderordnung). Daran hat er sich zu halten. Tut er das nicht, drohen ihm arbeitsrechtliche Konsequenzen, z. B. eben eine Abmahnung. Erst recht darf der Mitarbeiter nicht auf Arbeitsschutzkleidung verzichten.

Raumtemperatur

Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Temperaturempfinden. In Büroräumen ist der Unterschied gerade zwischen Männern und Frauen oft schon optisch leicht feststellbar. Denn während der Mann bereits seine Krawatte lockert, zieht die weibliche Kollegin zeitgleich fröstelnd das Strickjäckchen über. Ab einem gewissen Punkt sind sich jedoch fast alle einig: Es ist zu heiß! Das sieht auch der Gesetzgeber so und nimmt Arbeitgeber in die Pflicht:

Zunächst einmal haben Arbeitgeber unabhängig von der Jahreszeit dafür Sorge zu tragen, dass die Lufttemperatur in Büros 20 °C nicht unterschreitet und 26 °C nicht überschreitet. Ist das Überschreiten der 26 °C-Grenze auf übermäßige Sonneneinstrahlung zurückzuführen, haben Arbeitgeber Sonnenschutzsysteme wie Jalousien, Markisen, Blenden etc. einzusetzen, um die Temperatur zu senken.

Im Sommer bzw. bei Außentemperaturen von mehr als 26 °C gilt darüber hinaus Folgendes:

Übersteigt die Lufttemperatur im Arbeitsraum trotz vorhandener Sonnenschutzvorrichtungen 26 °C, soll der Arbeitgeber »zusätzliche Maßnahmen« ergreifen, um die körperliche Beanspruchung der Mitarbeiter zu reduzieren. Bei einer Lufttemperatur im Arbeitsraum von mehr als 30 °C muss er »wirksame Maßnahmen« ergreifen. Die insoweit rechtlich maßgeblichen »Technischen Regeln für Arbeitsstätten A 3.5« schlagen als zusätzliche bzw. wirksame Maßnahmen im vorgenannten Sinne unter anderem vor:

  • Lüftung in den frühen Morgenstunden
  • Nutzung von Gleitzeitregelungen zur Arbeitszeitverlagerung
  • Bereitstellen von Getränken
  • Reduzierung des Gebrauches von elektrischen Geräten
  • Lockerung der Bekleidungsregelungen

Überschreitet die Lufttemperatur im Arbeitsraum sogar die Grenze von 35 °C, darf dort nur noch dann gearbeitet werden, wenn der Arbeitgeber den Mitarbeitern »persönliche Schutzausrüstungen« zur Verfügung stellt oder technische Maßnahmen wie z. B. »Luftduschen« oder »Wasserschleier« einsetzt. Möchte der Arbeitgeber die Brandschutzanlagen in seinen Büroräumen also nicht kurzerhand zu Wasserschleiern umfunktionieren, seine Angestellten in Hitzeschutzkleidung vor dem PC sitzen oder Kunden beraten sehen, gilt in diesem Fall tatsächlich der von vielen Angestellten seit Schulzeiten leidig vermisste Ausruf »Hitzefrei!«. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber die Arbeitnehmer unter Gehaltsfortzahlung für die Zeit von der Arbeitspflicht freizustellen hat, während der er ihnen keinen ausreichend gekühlten Arbeitsplatz zur Verfügung stellen kann.

Wer entscheidet über »Hitzemaßnahmen«?

Die Beschäftigten sind stets berechtigt, dem Arbeitgeber Vorschläge zu allen Fragen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes bei der Arbeit zu machen, folglich auch in Bezug auf Maßnahmen zur Abhilfe von Hitze am Arbeitsplatz. Letztlich entscheidet jedoch der Arbeitgeber darüber, welche Maßnahmen er tatsächlich ergreift. Von Mitarbeitern privat mitgebrachte Ventilatoren oder ähnliches Gerät hat der Arbeitgeber nicht zu dulden, insbesondere dann nicht, wenn dies zu Sicherheitsrisiken führen würde (z. B. Kabelbrand bei Billig-Ventilatoren). Allerdings hat der Arbeitgeber bei der Wahl und Umsetzung von Hitzeabhilfemaßnahmen das Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG zu beachten, sofern denn ein Betriebsrat besteht.

Protokollierung von »Hitzemaßnahmen«

Arbeitgeber sollten dokumentieren, welche Maßnahmen sie ergreifen, um die körperliche Beanspruchung der Mitarbeiter bei Hitze bzw. das Klima in den Büroräumen zu senken. Ebenso sollten sie die Wirkung der Maßnahmen protokollieren (z. B. Fotografieren eines in den Büroräumen hängenden Thermometers). Denn jeder Mitarbeiter ist berechtigt, die von ihm geschuldete Arbeitsleistung zurückzubehalten, d. h. die Arbeit niederzulegen, wenn die von dem Arbeitgeber bei Hitze getroffenen Maßnahmen und bereitgestellten Mittel nicht ausreichen, um die Sicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Arbeit zu gewährleisten. Vielmehr sogar sind die Mitarbeiter in einem solchen Fall gemäß § 17 Abs. 2 Arbeitsschutzgesetz dazu berechtigt, ein aufsichtsbehördliches Verfahren gegen ihren Arbeitgeber einzuleiten. Nur anhand einer entsprechenden Dokumentation wird der Arbeitgeber in einem derartigen Fall nachweisen können, dass er seinen Arbeitsschutzverpflichtungen ausreichend nachgekommen ist. Eine Dokumentation ist nicht zuletzt auch deshalb sinnvoll, um einer straf- und ordnungswidrigkeitenrechtlichen Ahndung entgegenzutreten, die dem Arbeitgeber drohen kann, wenn er nicht dafür gesorgt hat, dass die zulässigen Temperaturwerte in Arbeitsräumen eingehalten wurden und auf diese Weise ein Gesundheitsrisiko für die Belegschaft entstanden ist.

Fazit für die Praxis

Viele Büroräume sind heutzutage klimatisiert, weshalb das Thema »Kleidung« in diesen Fällen Hauptstreitpunkt bleiben wird. Dies nämlich, wenn vereinzelte Mitarbeiter vergessen, dass sie zwischen Wohnung und Freibad noch für acht Stunden im Büro »vorbei müssen«. Aber auch dann, wenn die Büroräume nicht klimatisiert sind, sollten Arbeitgeber ihre Arbeitsschutzpflichten zwar ernst nehmen, jedoch nicht in blinden Aktionismus verfallen. Sie sollten das Thema »Hitzeschutz« im Dialog mit den Mitarbeitern praktisch angehen und nach einer für alle Beteiligten akzeptablen Lösung suchen. Diese könnte z. B. lauten: »Krawatte, Halstuch, Sakko und Blazer weg, solange kein Kundenkontakt besteht.« Auch Gesten des Arbeitgebers wie Gratisgetränke und – je nach Unternehmensgröße – frisches Obst werden dazu beitragen, den Sommer gemeinsam und ohne unnötige Streitigkeiten genießen zu können.

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